• Autrice Regan Holdridge

Wertschätzung - ein vergessenes Gut oder geht es uns einfach zu gut?

Aktualisiert: 5. Okt 2020

In der aktuellen Lage, zwischen Umbruch, Ausgangsbeschränkung, Coronavirus, Kurzarbeit, finanziellen Ängsten und all dem Gefühlstumult, in dem unser Land und der Großteil dieser Welt derzeit steckt, kommt es einem so vor, als hielte plötzlich alles den Atem an. Niemand vermag die Auswirkungen abzuschätzen, das Ausmaß, die womöglich drohende Arbeitslosigkeit, den Verlust von Eigentum.

Plötzlich rückt etwas ganz anderes in den Vordergrund, schiebt sich – fast vergessen durch die zurückliegenden Jahre des Wohlstands – vor unser Auge: Das Wort Wertschätzung taucht auf einmal wieder auf. Etwas, das in unserer Gesellschaft in der nahen Vergangenheit gerne und kräftig mit Füßen getreten wurde.

Es war doch immer alles selbstverständlich! Wir und auch die Generation vor uns, kannten bislang nur Überfluss. Alles, was nicht mehr gut genug erschien, landete eben im Müll oder wurde ersetzt – angefangen von Lebensmitteln, bis zu Elektrogeräten. Es kam ja alles billigst gefertigt aus China, Japan, Indien, woher auch immer und wenn die Paprika etwas schrumpelig geworden war, weil man mal wieder viel zuviel eingekauft hatte, warf man sie eben weg. Auch das Fleisch, das nicht mehr ganz so toll aussah – ab in die Mülltonne. Dass es sich bei einem Stück Wurst oder Fleisch um Leichenteile handelt, für die Lebewesen gelitten haben und gestorben sind – interessiert die Wenigsten. Das Geld ist ja da, um einfach den nächsten, eingeschweißten Pack aus der Tiefkühltheke des Supermarkts zu nehmen. Möglichst billig natürlich, bitteschön, damit auch genügend Geld für das neue Smartphone übrigbleibt! Das kostet immerhin 700 Öcken. Das ist auch wesentlich wichtiger, als qualitativ hochwertige Lebensmittel zu erwerben! Natürlich, die Prioritäten müssen klar definiert sein!

Werte schätzen – das, was man besitzt, auch entsprechend zu behandeln und zu wissen, dass es eben nicht selbstverständlich ist, Dinge kaufen zu können, die uns gefallen: Häufig gewinne ich den Eindruck, diese Dankbarkeit ist in unserer Gesellschaft ziemlich weit verloren gegangen und bisweilen ekelt es mich regelrecht an, dem Kaufverhalten meiner Mitmenschen zuschauen zu müssen.

Erst in den letzten paar Wochen, als die Panik losbrach, als plötzlich keiner mehr wusste: Wie lange gibt es noch volle Regale? Da sind alle los gerast, haben gehamstert als stünde der 3. Weltkrieg bevor, der sie über Jahre im Hunger zurückließe. Da blieb mir nichts anderes übrig, als sprachlos dazustehen und mich aus tiefstem Herzen zu schämen. So egoistisch können sich nur Menschen verhalten, die offenbar noch niemals unter den Zustand „gut, besser, am besten“ hinabgekommen sind; deren Leben sie noch nie vor ernsthafte Probleme und Herausforderungen gestellt hat, noch nie mit Diagnosen konfrontiert, die einen zwangsläufig zum Umdenken bringen.

50er Jahre 60er Jahre Vintage furniture Möbel

Früher war das anders, für die Generation meiner Eltern und Großeltern war es nicht in diesem Ausmaß normal, dass sie einfach losmarschierten und sich etwas Neues leisten konnten, weil sie mit dem Alten nicht pfleglich umgegangen waren.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Geschichten, die mir meine Großeltern erzählt haben – vom Krieg und den Jahren danach, von Entbehrung, Hunger und leeren Ladentheken. Damals war jemand schon zufrieden, wenn er ein Fahrrad ohne Gangschaltung besaß, weil er dann nicht mehr zu Fuß gehen musste... Das hat sich mir eingeprägt, ist bis heute präsent, jeden Tag.

Und schon als Kind ist mir aufgefallen: Im Grunde genommen hatten sie im Vergleich zu heute sehr wenig und trotzdem schienen sie zufriedener gewesen zu sein als die meisten heutigen Menschen. Während meine Großmutter für sich selbst einen Rock nähte und den über Jahre trug, weil sie stolz darauf war, werfen wir die Kleidung heute weg, manchmal völlig ungetragen.

In Zeiten dieser Pandemie und zwischen der wie plündernd durch die Läden flanierenden Bevölkerung muss man sich ernsthaft fragen, was da wohl schief lief. Nicht erst heute, schon vor vielen Jahren, in der Erziehung und Kindheit. Vielleicht ging es uns all die Jahre einfach viel zu gut? Wir haben die Dankbarkeit dafür verloren, versorgt zu sein, dass die Lebensmittelkette funktioniert, dass die Regale bis Samstagabend 20 Uhr vollgestopft sind mit allen erdenklichen Produkten.

Dasselbe gilt für unser Gesundheitssystem, das war auch immer einfach da, wenn man es brauchte: Wegen jeder Kleinigkeit den Rettungsdienst rufen, wegen jedem eingeklemmten Finger die Feuerwehr. Es kostet ja nix. Da wird einem schon bewusst, dass die selbstständige Denkerei nicht unbedingt die Stärke unseres Volkes ist. Wir haben das Glück, in einem Sozialstaat zu leben, der uns im Ernstfall fast immer irgendwie auffängt und wir nicht plötzlich auf der Straße sitzen und mit dem Hut in der Hand auf Spenden hoffen müssen.

Wann wart ihr das letzte Mal froh darüber, dass ihr Schränke voller Klamotten besitzt? Ein Auto habt, mit dem ihr fahren könnt? Was ist mit all den Spielkonsolen, Smartphones, elektrischer Ausstattung, die ihr aus eurem Leben nicht mehr wegdenken könnt? Staubsauger, Spül- und Waschmaschine sind erst wenige Jahrzehnte alt, ist euch das eigentlich bewusst? Vermutlich nicht und unserer verwöhnten, verweichlichten, unerzogenen Fridays-For-Future-Möchtegernbewegungjugend sowieso nicht. Oh, Entschuldigung, sowas darf man ja weder sagen, noch schreiben. Die armen Kleinen können ja auch nix dafür, wenn sie von Zuhause keine Werte vermittelt bekommen haben und es als normal empfinden, täglich vor der Klassenzimmertür mit dem Auto abgeliefert zu werden...

Es wird sich auch nach Corona nichts ändern. Jetzt schreien alle, jammern und heulen und danach wird jeder innerhalb kürzester Zeit wieder dem alten Trott verfallen. Wie dankbar muss man dem Leben sein, wenn es einem Tiefgänge beschert hat, damit man, wie von einer Almhütte, ganz weit entfernt, all das mit großen Augen ansehen und stolz darauf sein kann, kein Mitglied dieser konsumsüchtigen Posse zu sein, die sich unsere Gesellschaft schimpft.

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