• Autrice Regan Holdridge

Warum uns positives Denken in die Sackgasse führt

Wie oft bekommen wir zu hören, zu lesen und gesagt, wir bräuchten nur positiv genug denken, dann würde am Ende alles gut werden. Stimmt nicht? Richtig erkannt und hoffentlich rechtzeitig!

Bei mir kam diese Erleuchtung leider zu spät, da hatte ich mich bereits heillos in völlig unrealistische Träume verrannt, die nicht mal wirklich meine Ziele waren, sondern nur ein Rettungsanker in meinem verkorksten, ziellosen Leben. Das kann nicht gut gehen und tat es auch nicht und da hilft auch der positivst denkende Geist nichts.

Da ich als Kind sehr ängstlich und schüchtern war, habe ich mich selten getraut, meine Wünsche zu formulieren oder das zu tun, wonach mir gerade gewesen ist. Ich habe mich am liebsten hinter Büchern versteckt, mir ausgemalt, dass ich selbst die Heldin einer dieser Romane bin, denn im Traum konnte und traute ich mich alles. Im wahren Leben dagegen zog ich mich immer mehr zurück, weil ich nie das Gefühl hatte zu genügen oder etwas richtig zu machen.

Dem Wunsch meines Vaters entsprechend gab ich irgendwann den Widerstand gegen ein Musikinstrument und die Musik im Allgemeinen auf und beugte mich den quälenden Stunden beim Akkordeonunterricht. Wenigstens dem Kinderchor konnte ich nach wenigen malen mit lautem Protest entfliehen. Ich wollte ins Ballett, zum Eiskunstlauf oder mit den Mitschülern ins Skilager fahren. Aber das war alles nicht erwünscht. Ein bisschen Reiten einmal im Jahr in den Schulferien war in Ordnung, normaler Unterricht im nahen Reitverein allerdings auch nicht. Begründung: Da seien die Pferde zu groß. So hatte ich als Außenseiterin in der Schule nicht mal ein Hobby, das mir Ausgleich bot.

Durch meine Schüchternheit wurde ich von den Mitschülern nie wirklich akzeptiert und weil ich eben nur daneben stehen und zusehen konnte, was die anderen alles tun durften und konnten, verkroch ich mich tiefer und tiefer in mein Schneckenhaus aus wirren Träumen und Zielen und mir wurde eingeredet, mit positivem Denken könne man Berge versetzen. Ich kann aus heutiger Sicht widerlegen: Man kann es nicht. Man belügt sich höchstens selbst damit und verrennt sich in Desaster, die den Rest deines Lebens zum Negativen beeinflussen, ohne, dass man aktiv daran noch einmal etwas verändern könnte.

Wer gnadenlos ehrlich mit sich selbst ins Gericht geht, der weiß, wie schmerzhaft das sein kann. Es gibt wohl nicht Härteres, als sich selbst den Spiegel vorzuhalten und sich einzugestehen, dass man den größten Teil seines Lebens damit verbracht hat, Fehler zu begehen und sich selbst ins Unglück zu stürzen.

Meine Ehe ist das beste Beispiel dafür. Ich habe ernsthaft geglaubt, einen notorischen Lügner und Betrüger ändern zu können. Im Grunde meines Herzens wusste ich von Anfang an wie er war und vor allem, was er war, aber ich wollte oder konnte es nicht sehen, auch aus einer Torschlusspanik heraus, dass sonst eh keiner mehr für mich abfällt, wenn ich den jetzt nicht nehme. Nicht nur habe ich aufgrund dessen mein komplettes Erbe verloren, bin in der Privatinsolvenz gelandet und habe jahrelang mit diesem Mann einen Krieg geführt, um ihn wieder loszuwerden, sondern auch mein Führerschein wurde Opfer seiner rigorosen Machtspielchen.

Wie lautete einer seiner Lieblingssätze? „Ich werde dir schon zeigen, dass man mit Ehrlichkeit im Leben nicht weit kommt.“ Bei Gott – hat er’s mir gezeigt!

Nicht mehr mobil zu sein hatte nicht nur beruflich katastrophale Konsequenzen. Mein studierter Beruf als Journalistin – nicht mehr möglich, auch sonst blieben sehr viele Jobmöglichkeiten aufgrund von nicht vorhandenen öffentlichen Verkehrsmittel unerfüllbar, weshalb ich letztlich als Stundenlöhner mit Mindestlohn im Einzelhandel landete, um irgendwie über die Runden zu kommen – das „Wie“ will ich gar nicht näher erörtern. Eine Kassiererin mit Fachabitur – welch ein Hohn. Privat verlor ich darüber hinaus einen großen Teil meiner sozialen Kontakte und dass meine letzte Beziehung zu dem besten Mann, den ich mir hätte wünschen können, in die Brüche ging, hat auch sehr viel damit zu tun, dass ich für ihn im Grunde immer nur eine Belastung und Behinderung gewesen bin. Er, der 50, 60 Stunden in der Woche arbeitete, konnte mir nicht einmal die Schlüssel seines Autos in die Hand drücken, damit ich seine Tochter holen oder einkaufen gehen konnte – ständig musste er zuerst mich Zuhause abholen, wie ein zweites Kind, wieder heimbringen, mit mir einkaufen fahren... Dann konnten wir uns kaum sehen, weil so viel Zeit verloren ging, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs war, wir konnten unsere Pferde nicht in denselben Stall stellen, weil ich dorthin gar nicht mit dem Rad gekommen wäre... Das macht auf Dauer niemand mit, nachvollziehbarerweise und ich werde mich deshalb auch auf niemanden mehr einlassen, denn ich möchte niemandem mehr zur Last fallen.

Heute, da ich mehr als die Hälfte meines Lebens hinter mir habe, bereue ich es, meine Zeit damit verschwendet zu haben, in Fantasiewelten abgetaucht zu sein und Geschichten geschrieben zu haben, denn sehr vieles von dem, was ich gerne erlebt hätte, kann ich nicht mehr nachholen. Auch die Fehler, die ich dadurch begangen habe, lassen sich nicht mehr auswischen, sie sind da, wie Makel auf meiner Biografie, werfen einen Schatten darauf, der mich auf ewig begleiten wird.

Was als Konsequenz geblieben ist, war der Abschied von allem, was mit Musik zu tun hat und auch die Entscheidung, mir nie wieder ein Pferd zu holen. Eigentlich hätte ich ja auch schon über zwanzig Jahre kein Pferd mehr – aber wie immer habe ich auf andere gehört, mir Dinge einreden lassen, die nicht stimmten und negative Wege meinem Bauchgefühl vorgezogen. Heute weiß ich, dass jede andere Entscheidung besser gewesen wäre als das, was meine Eltern und ein gewisser Pferdetrainer mir geraten hatten. Natürlich war dieser daran interessiert, seine Trainerscheine zu verkaufen und Leuten Honig ums Maul zu schmieren, damit sie glauben, sie wären gut genug, um im Pferdegeschäft über die Runden zu kommen – so, wie ich. Als maximal mittelprächtige Reiterin, die nie vernünftig Reiten gelernt hat und bei jedem Pferd, das ein bisschen bockt und hüpft schon Angst bekommt, kann man keine Trainerin werden. Trotzdem habe ich den Lobhudeleien geglaubt, denn ich wollte ja auch einmal etwas gut machen, etwas können und am Ende war es doch wieder der Spiegel, der mir gnadenlos vorhielt, dass ich nicht hätte gegen mein inneres Gefühl handeln dürfen.

Nach Stuttgart gehen, Tanzpädagogik studieren – mein Gott, was würde ich dafür geben, wenn ich nochmal vor der Entscheidung stehen und diesmal für mich selbst entscheiden könnte? Was würde ich dafür geben, wenn ich wenigstens wieder wie ein normaler Mensch in den Ballettunterricht könnte? Ins Auto setzen, in die Tanzschule fahren, Spaß haben, einfach leben!!!

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Doch durch positives Denken habe ich mir lieber schlechte Entscheidungen schön geredet und Vogel-Strauß-Politik betrieben. So bleiben mir in vielen Dingen auch heute nur noch die Träume und deshalb werde ich auch mit diesem Post meinen Blog einstellen. Die Homepage ist bereits gekündigt. Das Schreiben gibt mir nichts mehr. Mein letztes Buch habe ich vor etwa zwanzig Jahren geschrieben und seither nichts anderes getan, als an den bereits vorhandenen Änderungen vorzunehmen. Es kommt nicht mehr zurück, dieses Gefühl, was mir die Scheinwelt meiner Fantasie früher gab. Die Flucht, die ich damit vor dem realen Leben angetreten hatte, das wegen der schlimmen Erlebnisse in der Schule unerträglich für mich geworden war. In der Welt meiner Geschichten war ich sicher, da passierte mir nichts, niemand lachte über mich, verspottete mich und meine Protagonistinnen waren das, was ich nicht war und gerne gewesen wäre: Stark, selbstbewusst und mutig.

Heute blicke ich insbesondere auf einen dieser Romane und sehe darin einen Teil meines Schicksals, als hätte ich ihn damals geahnt, mit 17, 18. Vieles von dieser Frau, was ich damals rein aus dramaturgischer Sicht aufs Blatt brachte, ähnelt meinem eigenen Leben und das erschreckt mich. Nicht nur scheint es, als hätte ich in vielen Dingen meinen eigenen Weg vorhergesehen, auch hat das Buch kein Happy End.

Ich beschäftige mich so wenig als möglich damit, halte es weit von mir fern, weil ganz tief in mir drin irgendwo doch noch ein kleiner Funke leuchtet, der hofft, dass ganz am Ende, wenn man fest genug glaubt, tief genug liebt und alles gibt das Glück doch auch noch auf mich wartet und ich irgendwann doch nochmal die Chance auf ein ganz normales Leben bekomme...

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