• Autrice Regan Holdridge

Schüchtern sein ist nicht unheilbar - Schüchternheit überwinden

Ganz gleich, wie wir uns verhalten und wie wir handeln, weshalb wir uns so benehmen und nicht anders: Es liegt alles ganz tief in uns drin begraben, am Anfang, bei unseren Wurzeln. Manchmal ist es schwer, sich dieser Tatsache zu stellen, die richtigen Fäden herauszuziehen und sich einzugestehen, dass man nicht umsonst die Person ist, der man heute im Spiegel entgegenblickt.

Wir werden hineingeboren in ein Umfeld, das wir uns nicht aussuchen können. Es ist der Rahmen, in dem wir uns entwickeln und entfalten – oder auch nicht. Wir lernen von unseren Bezugspersonen, von unseren Eltern, Großeltern, Geschwistern oder wer auch immer in unserem Heranwachsen eine bedeutende Rolle spielt. Wir nehmen uns das Verhalten dieser Personen ganz unbewusst zum Vorbild. Diese Leitbilder womöglich eines Tages in Frage zu stellen oder gar loszulassen, ist mit eine der schwersten Aufgaben überhaupt.

Und dann haben wir Eigenschaften mit auf den Weg bekommen, die genetisch verwurzelt sind und über die wir nur schwer Macht haben, sie zu ändern, jedenfalls ohne Anstoß und ohne Förderung. Zu einer dieser Eigenschaften gehört die Schüchternheit. Für mich als Kind war sie die hemmendste Barriere, die mich stets davon abhielt, mich so zu verhalten, wie ich es im Grunde meines Herzens gerne getan hätte. Bei meiner Familie, innerhalb meiner Komfortzone, war ich das lustige, fröhliche Mädchen, das gerne Blödsinn trieb und nie ein Blatt vor den Mund nahm. Aber außerhalb dieses schützenden Raums war mein Leben die Hölle, jeden Tag, wenn ich zur Schule und unter fremde Leute musste.

Meine Eltern achteten zwar auf eine strikte, sehr geradlinige Erziehung, brachten aber in dieser Hinsicht – wie ich es aus heutiger Sicht betrachten muss – nicht die nötige Strenge mit. Während sie mir gegenüber stets Verständnis zeigten, wenn ich wieder Panik hatte, am nächsten Tag zur Schule zu gehen, hätte ich stattdessen Ansporn benötigt und zwar nicht nur ein wenig und zaghaft, sondern ordentlich. Einen gewissen Druck, mich dieser extremen Schüchternheit zu stellen, Ventile zu finden, wie ich damit umzugehen lernte und Hobbys, die es von mir erforderten, mich viel mit anderen Kindern zu umgeben.

Stattdessen bot mir das Reiten die Chance, jede Menge Zeit bei den Pferden und mit mir alleine zu verbringen. Genauso war es mit dem Lesen – ich verschlang die halbe Stadtbibliothek und war damit glücklich und zufrieden, denn ich musste mich ja nicht dem Dämon meiner Schüchternheit stellen. Dort brauchte ich mit niemandem zu sprechen – nicht mal mit den Damen, die dafür zuständig waren, die ausgesuchten Bücher in der Kartei zu vermerken.

Zum ganz großen Problem wurde das, als ich in die Pubertät kam und das bereits mit 12 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war ich in meinem Herzen noch ein Kind. Ich begriff weder, was da mit meinem Körper vor sich ging, noch wollte ich, dass das überhaupt passierte. Alle drei Wochen höllische Schmerzen bis hin zu Schwächeanfällen und Erbrechen, verbunden mit stärksten Periodenblutungen. Mehr als einmal verließ ich unter dem Vorwand, mir sei übel die Schule, weil wieder überall das Blut hinausgelaufen war und meine Kleidung ruiniert hatte. Ich begann, diesen Körper zu hassen für das, was er mir damit antat und zog mich noch weiter in mein Schneckenhaus zurück, noch mehr den Kontakt zu Menschen außerhalb meiner Familie meidend.

Der erste Besuch bei der Frauenärztin meiner Mutter, wegen der starken Schmerzen und Blutungen, verlief wenig erbauend. Die Frau Doktor runzelte die Stirn und sah meine Mutter ein wenig genervt an: „Das Kind soll sich nicht so anstellen. Was glaubt die eigentlich, wie das erst wird, wenn sie selber mal ein Kind kriegt?“

Eine Pille würde sie so jungen Mädchen nicht verschreiben, da könne man eben nichts machen. Das Erlebnis saß so einschneidend, dass ich vierzehn Jahre lang zu keinem Frauenarzt mehr gegangen bin...

Als wäre das noch nicht genug, kamen dann noch eine starke Akne und die Seborrhoe im Zuge der Hormonveränderungen. Diese Belastungen, hinaufgepackt auf meine Schüchternheit und jeder Tag wurde zum Alptraum. Vom Aufstehen bis zum Einschlafen drehte sich alles in meinem Kopf nur noch darum, was für Sticheleien und hämischen Bemerkungen ich meinen Mitschülern wohl am anderen Tag wieder ausgesetzt sein würde. Manche würden das, was mir damals täglich blühte, wahrscheinlich als Mobbing bezeichnen. Mich zu wehren traute ich mich allerdings nicht und sah auch keinen Sinn darin: Die anderen hatten ja völlig recht, ich war mit diesem Körper nichts wert. Ich war hässlich, mir wuchsen keine Brüste und meine Haut war scheußlich.

Mein damaliges Pony, das mir mein Vater gekauft hatte, war in dieser Situation der einzige Lichtblick. In meinem Alter ein eigenes Pony zu besitzen, war etwas Besonderes und es war der einzige Grund, weshalb ich mich den anderen gegenüber nicht völlig untertänig fühlte.

Schüchternheit überwinden

Überwunden habe ich diese Angst vor Menschen, diese Panik vor Kommunikation, ja, selbst vor dem Schlendern durch die Fußgängerzone, erst im Laufe von Jahren und dank der Erkenntnis, dass ich selbst der Faktor war, der sich ändern musste. Ich war diejenige, die an sich zu arbeiten hatte, nicht die anderen. Dieser Prozess dauerte, bis ich etwa Mitte zwanzig war und ich bin den Weg ganz alleine gegangen. Es gab niemanden, der mir helfen konnte oder der gesagt hätte: So und so musst du es machen, um dein Schneckenhaus hinter dir lassen zu können.

Mein erster Weg zur Änderung führte in die Tanzschule. Ich wollte Ballett lernen, schon immer, aber in meiner Kindheit waren meine Eltern dagegen gewesen, weil sie glaubten, ich würde das bei meiner Unsportlichkeit sowieso nicht durchhalten. So fing ich also mit 19 an, mit meinem ersten, selbstverdienten Geld, mir Tanzstunden zu leisten. Über den sportlichen Ehrgeiz, den ich dort entwickelte, bekam ich allmählich ein Gefühl für meinen Körper, den ich so sehr verabscheute und ganz langsam auch ein gewisses Selbstvertrauen.

Man kann Schüchternheit überwinden und sich komplett ändern – wenn man zu sich selbst härter ist, als zu allen anderen Menschen. Man muss sich immer und immer wieder zwingen, auf andere Menschen zuzugehen, die Kommunikation und im Ernstfall auch die Konfrontation zu suchen und sich aus kleinen Etappensiegen die Kraft für den nächsten Schritt zu holen. Heute erscheint es mir fast nicht mehr vorstellbar, dass ich tatsächlich einmal so voller Panik und Ängste gesteckt habe. Ich arbeite im Einzelhandel, habe täglich mit vielen, unterschiedlichen Menschen zu tun und es macht mir Spaß. Ich bekomme kein Herzrasen und zitternde Hände mehr, wenn ich mit fremden Personen sprechen muss. Meine Arbeitskollegen und Freunde kennen mein loses Mundwerk und dass ich selten die Klappe halten kann, wenn es darum geht, meine Meinung offen zu vertreten. Sie würden mir vermutlich gar nicht glauben, dass dieselbe Frau, mit der sie heute die größten Witze reißen können, vor zwanzig Jahren in ihrer Gegenwart keinen Piep über die Lippen gebracht hätte...

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