• Autrice Regan Holdridge

Mein Leben nach einer Entrümpelung - Trenne dich von Dingen, die dich belasten

Es gibt Umstände in unserem Leben, Einschnitte, Schmerzen und Enttäuschungen, die führen dazu, dass wir unser ganzes Dasein in Frage stellen und radikal überdenken. Dinge, von denen wir einst geglaubt haben, dass sie wichtig für uns seien, entwickeln sich plötzlich zum Feindbild und dann beginnen wir, alles über den Haufen zu werfen, uns von ihnen zu trennen, um keinen Blick mehr darauf haben zu müssen. Wir entrümpeln unser Leben, unsere Seele, unser Herz. Wir fragen uns: Wer sind wir eigentlich, wenn wir all diese Gegenstände nicht mehr als bedeutend erachten? Was bleibt dann von unserem wahren Ich? Kennen wir das überhaupt?

Als der Mann, mit dem ich zweieinhalb Jahre die schönste und harmonischste Beziehung geführt habe, die ich mir je hätte wünschen können, mir im letzten Sommer ohne Vorwarnung, ohne erkenntlichen Grund durch die Blume erklärte, dass ich überflüssig für ihn geworden sei, ist eine Welt für mich zusammengebrochen. Ich wanke bis heute über die Scherben, begleitet von Ungläubigkeit und Schmerz.

Innerhalb der ersten vier Wochen danach habe ich einen meiner alten Romane umgeschrieben, der mir in seiner bisherigen Form nie gefallen hat. Jetzt kannte ich den Stoff, wie die Geschichte zu verlaufen hatte, das Leben hatte ihn mir geschrieben. Ich habe versucht, mir den Dolch herauszureißen, der sich kontinuierlich in mein Herz bohrt – vergeblich. Er ist noch immer dort, dreht sich regelmäßig herum, um mich zu quälen und mich daran zu erinnern, dass es einen Menschen gab, dem ich zugestanden habe – nach Monaten der größten Vorsicht – in mein Herz einzuziehen und der gar nie begriffen hat, welch großer Schritt dies für mich gewesen ist, nach den unzähligen Verletzungen und Demütigungen in meiner Vergangenheit. Dass ich mich für ihn auch von meinem Pferd und meinem Hund getrennt hätte – das hat er vermutlich gar nie gesehen.

Und dann stand ich plötzlich vor dieser schwarzen Wand, wie einem Nebel, der mir die Sicht versperrte und in mir brachen die Dämme dessen, was ich jahrzehntelang unterdrückt und verdrängt habe. Ich fand mich vor den unverarbeiteten Traumas meiner Kindheit und Jugend wieder, im Kampf mit den Glaubenssätzen, die tief verwurzelt noch immer mein Tun bestimmten und ich begriff, dass jetzt der Moment gekommen war, mich zu stellen, anstatt noch länger davonzulaufen. Das Entrümpeln begann, sowohl in materieller Hinsicht, als auch in seelischer.

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Zuerst flog alles hinaus, was mit Westernreiten und der Selbstständigkeit mit Pferden zusammenhing. Diese wahnwitzigen Ideen hatten mich mindestens genauso tief hinein geritten in die Misere, wie die kurze, aber folgenschwere Ehe mit einem Narzissten. Doch dass es überhaupt soweit kommen konnte, lag viel tiefer begraben und es hervorzuholen brachte unendlich Hass hervor, den ich stets von mir ferngehalten hatte. Diesen aufzuarbeiten, zu begreifen und mir selbst den Spiegel vorzuhalten war die wichtigste und dennoch härteste Lektion meines ganzen Lebens.

Danach trennte ich mich von meinen Gitarren. Ich hatte mich der Musik nie freiwillig zugewandt. Mir wurde als Kind eingeredet, ich hätte Talent dafür und es war der ausdrückliche Befehl meines Vaters, dass meine Schwester und ich ein Instrument lernten. Musik ist für mich nur dann wichtig, wenn ich dazu tanzen kann. Der Rest interessiert mich nicht.

Auch die Pferde sind weit von mir fort gerückt. Ich weiß heute, dass ich niemals ein eigenes gewollt oder besessen hätte, wäre mir die Türe zum Ballettsaal und zu anderen sportlichen Aktivitäten in Kindertagen offengestanden. Die Pferde und die daraus entstandene Fantasiewelt der Bücher und Filme haben mich vor dem teils unerträglichen Alltag meiner Kindheit befreit, mich fortgetragen von all den Sorgen und Problemen, dem Mobbing in der Schule, der Isolation in meiner Freizeit. All die Dinge, die mich täglich verfolgten und mit denen ich sehr früh lernte, dass ich mit ihnen alleine fertigwerden musste, weil es niemanden gab, der mich ernst nahm oder mir half. So habe ich mich auch diesbezüglich in etwas gestürzt, in das ich nur halbherzig bereit gewesen bin, mich einzubringen.

Zuletzt habe ich den Schritt gewagt, von dem ich nicht gedacht habe, dass ich diesen gehen würde, nach all den Niederlagen der vergangenen Jahre. Nach der misslungenen Selbstständigkeit, welche die Privatinsolvenz nach sich zog, bin ich sehr vorsichtig geworden in Bezug auf risikobehaftete Unternehmungen. Dennoch habe ich vor Weihnachten meine jetzige Arbeitsstelle gekündigt, wo ich fast acht Jahre gewesen bin, trotz der Sicherheit eines unbefristeten Arbeitsvertrags und der dortigen Möglichkeiten ins Führungsteam aufzusteigen. Im Frühjahr fange ich im örtlichen Klinikum an, im Büro. Eine Aufgabe, die mir das Gefühl gibt, nicht nur etwas für Umsatzzahlen, sondern für Menschen zu tun.

Mich von all den Dingen zu trennen, von denen ich einst glaubte, sie seien ein Teil von mir, mein Lebenssinn, an den ich mich mit aller Gewalt geklammert habe, fühlte sich an, wie ein Befreiungsschlag. Noch bin ich nicht bis zum Kern vorgedrungen, zu der wahren Person, als die ich geboren worden bin und die ich nur im Ansatz kennengelernt habe. Entrümpeln kommt der Selbstfindung gleich, die mir als Kind verwehrt geblieben ist.

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