• Autrice Regan Holdridge

Wer braucht schon eine Flimmerkiste?

Aktualisiert: 5. Okt 2020

Entgegen der Überschrift dieses Kapitels besitze ich überhaupt keinen Fernseher, habe noch nie einen eigenen besessen und habe auch nicht vor, mir einen zuzulegen. Auf der einen Seite, wo bei meiner Musiktruhe von 1963, einer „Kuba Imperial“, einstmals der Röhrenfernseher eingebaut war, befindet sich heute meine Schallplattensammlung. Das gute Gerät war bereits nicht mehr vorhanden, als ich die Musiktruhe aus dem Keller befreite, in dem sie sein Dasein fristete.

Was ich mir zugelegt habe, ist eine bescheidene Sammlung an DVDs, die Serien und ein paar Filme beinhaltet, ansonsten gibt es heutzutage ja das Internet, wo fast alles angesehen werden kann, was das Herz begehrt. In der Stadt hatte ich einen entsprechend schnellen Anschluss, hier auf dem Land sieht es da schlechter aus. Da gestaltet sich bisweilen schon die Bearbeitung dieser Seite als abenteuerlich...

Ich möchte mir trotzdem keine Flimmerkiste zulegen. 90% dessen, was von unseren Geldern á la GEZ gesponsert wird, ist einfach unerträglich und ich möchte dafür weder meine wertvolle Zeit verschwenden, noch Geld investieren in Form von Strom zum Betrieb des Fernsehers.

Kuba Imperial Finale 1963 Musiktruhe mit Fernseher

Es gibt nur eine Sache im Bezug auf dieses Medium, was ich hin und wieder an regnerischen, kalten Tage gerne mache: Alte Filme und Serien herauszukramen und zwar derart Schmonzetten, wie ich sie als Kind mit meinen Großeltern geschaut habe, als ich noch glaubte, die große, weite Welt da draußen würde so aussehen wie in den Heimat- und Schlagerfilmen der 50er Jahre. Die Damen waren noch schick gekleidet und die Herren so gut erzogen, dass sie einer Frau die Tür öffneten und sich erhoben, wenn ein weibliches Wesen sich ebenfalls an den Tisch setzen wollte. Welch herbe Enttäuschung, als ich größer wurde und feststellen musste, dass es in unserem Zeitalter keine solchen Gentlemen mehr gibt und die Frauen mit „Weniger ist Mehr“ nur noch ihre entblößten, häufig mit Plastik gefüllten Körperteile meinen. Es gab keinen Peter Alexander der – seine Schlager trällernd – durch die Gassen der Stadt tanzte, auch, wenn ich es mir sehr häufig gewünscht hätte in meinem Leben: Auf einmal kommt der Schnitt und Zack – ist die Welt wieder in Ordnung und alle singen gemeinsam „Die Welt ist so schön“.

Wahrscheinlich liebe ich diese ganzen alten Filme noch immer deshalb so sehr, weil sie untrennbar mit einer unbeschreiblich schönen und freien Kindheit verbunden sind. Damals ritt ich mit meinem Steckenpferd über die Prärien der Ponderosa oder reparierte die Zäune auf der Shiloh Ranch. Meine Schwester, meine Cousine und ich heirateten dann natürlich am Ende jedes Abenteuers einen der Cartwrights. Oder wir gerieten mit „Fury“ in die Fänge von Dieben, während „Lassie“ zu unserer Hilfe bellte. Manchmal waren wir auch „Drei Engel für Charlie“, die mit ihrem detektivischen Spürsinn spannende Fälle lösten – bisweilen zum Leidwesen unserer Großeltern, die stets für mehrere Nebenrollen parat stehen mussten. Und dann gab es da noch den „Immenhof“ mit Dick und Dalli, die Prospekte bastelten, um Feriengästen das Gut und die Ponys schmackhaft zu machen.

Es gab keinen Gameboy, kein Smartphone, kein Social Media zum Selfies posten und auch keine Playstation. Wir waren auf unsere Fantasie angewiesen und ich weiß es bis heute unendlich zu schätzen, dass ich mit einer Restriktion, was den Fernsehkonsum allgemein anbetraf, aufwachsen durfte.

Wenn ich heute solche Schmonzetten aus den Wirtschaftswunderjahren auf den öffentlich zugänglichen Plattformen finde und anklicke, dann bedeutet das für mich neunzig Minuten Rückkehr in ein sorgenfreies Leben. Genauso, wie ich es als Kind empfunden habe und ich kann verstehen, weshalb die Nachkriegsgeneration nach diesen sehr weltfremden, fast schon Märchenähnlichen Streifen lechzte, weshalb sie sich dort geborgen fühlten und die Sehnsucht nach diesen Stoffen so groß war. Sie entführen einen in eine scheinbar ganz unkomplizierte Welt, in der nur kurzzeitig die geregelte Ordnung durcheinander gerät und in der am Ende fast immer alles gut wird. Die Frauen sehen ohne nackte Brüste eleganter und schöner aus als jede schönheitsoperierte Schauspielerin heutzutage und Sexszenen sind darauf beschränkt, dass Elizabeth Taylor mit Handtuch umwickelt vom Badezimmer ins Schlafzimmer tritt.

Vielleicht langweilen mich heutige Produktionen deshalb so sehr, weil es nichts mehr zum Mitdenken gibt, alles plakativ präsentiert wird, in hunderstel Sekunden verschnitten, sodass ich entweder einschlafe oder nach fünf Minuten Kopfschmerzen bekomme.

Manchmal brauche ich es, in diese heile Welt meiner Kindheit zurückzukehren und dort wieder neue Kraft zu tanken, wie es wohl auch einst die Generationen vor mir taten, bevor sie vom wohligwarmen Kino hinaus in die Trümmerwüsten ihrer Stadt zurückkehrten. Dann nehme ich mal ein Frühstück bei Tiffany, rudere den Fluss ohne Wiederkehr hinunter oder schaue mit Doris Day unter die Kissen von Rock Hudson.

Enden möchte ich diesen Beitrag mit meiner persönlich liebsten Schlussszene eines Films überhaupt. Solche Worte dürfen Schauspieler heutzutage nicht mehr sprechen; sie waren einer anderen Ära vorenthalten. Doch obwohl soviele Jahrzehnte alt, sind sie noch genauso schonungslos ehrlich wie damals, als sie gedreht wurden. Wer weiß heute schon noch, welcher legendäre, deutsche Schauspieler diesen Satz am Ende seines vielleicht bekanntesten Filmes rezitieren durfte?

„Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“

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