• Autrice Regan Holdridge

Lasse los, was nicht mehr ist - Klammern an längst Vergangenes bringt einen nicht vorwärts

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Manchmal muss man im Leben dazu in der Lage sein, Dinge loszulassen, von denen man stets geglaubt hat, sie gehörten zu einem wie jede Faser des eigenen Seins. Für mich war dies viele, viele Jahre das Schreiben von Büchern und Geschichten. Ich liebte es, die Protagonisten in die Welt hinauszuschicken und zu sehen, wohin die Irrungen des Lebens sie führte. Ich konnte bis zur Besessenheit in diese geschaffene Welt meiner Fantasie eintauchen, diesem surrealen Geflecht aus Tragik und Schicksal, aus Glück und Lebenskunst. Damals war ich jung, naiv und von dem Glauben verfolgt, dass mit viel Fleiß und Hingabe irgendwann etwas Besonderes entstehen könnte. Außerdem war ich zu diesem Zeitpunkt noch sehr schüchtern, geradezu panisch im Umgang mit anderen Menschen und das Ausmalen von Geschichten gab mir die Möglichkeit, Dinge zu erleben und für mich zu erfühlen, die ich mich in der Realität niemals getraut hätte.

Vielleicht sind diese paar wenigen Romane deshalb tatsächlich ungewöhnlich geworden – unkonventionell, unangepasst, wie aus einer anderen Epoche entsprungen. Sie alle sind in einer Phase meines Lebens entstanden, in der ich mich selbst noch nicht gefunden hatte und sämtliche andere Interessen hinten angestellt habe. Das Fernstudium zur Journalistin, das ich mehr als Pseudogrund vorgeschoben hatte, lief irgendwie nebenbei.

Häufig saß ich bis in die frühen Morgenstunden am Computer – es war wie ein Rausch, der mich gefangen hielt. Alles drehte sich nur um diese geistigen Auswüchse in meinem Kopf, es gab nichts daneben, maximal noch das Pony, dem räumte ich Platz ein. Doch für Partys, für ernsthafte Verliebtheit in irgendwelche Jungs, für allzu viele Freundschaften, dafür blieb keine Zeit und kein Raum. Alles stand unter dem einen Motto: Die Geschichten mussten geschrieben werden.

loslassen neues leben von vorn anfangen

Und während ich Jahre meiner Jugend damit zubrachte und mir gar nicht vorstellen konnte, dass sich irgendetwas daran ändern könnte, da traf mich plötzlich dann die Realität. Das Leben selbst holte mich ein, überrollte mich mit Herausforderungen, Niederlagen und der Tatsache, dass die Menschen da draußen in der wirklichen Welt unberechenbarer und hinterhältiger sein konnten, als ich es je in irgendeinem meiner Bücher mir ausgemalt hatte. Das behütete Nest meiner Fantasie brach nach unten durch und die Landung auf dem harten Boden der Tatsachen war so hart, dass in mir drin irgendetwas dabei kaputtging.

Schließlich wagte ich mich hinaus in die Welt, bis in die USA, immer auf der Suche nach einer Erfüllung, einem Sinn, einer neuen Mission, und fand stattdessen nur noch mehr Fragen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich niemals bereit sein würde, wegen eines Mannes meine Einstellung zum Leben zu ändern und das wiederum führte zu einem gewissen Verdruss: Sie alle schienen heiraten zu wollen, Häuser zu bauen, Familien zu gründen. Allein die Vorstellung schnürte mir die Kehle zu; es erschien mir wie ein Gefängnis, dem man sich als Frau unaufhaltsam näherte. Die nächsten Jahre zogen ins Land, in denen ich strauchelte, fiel, getreten wurde, mich um meine Existenz betrogen sah von dem Mann, den ich dummerweise letzten Endes dann doch geheiratet hatte, ohne Dach über dem Kopf, ausgebrannt, heimatlos, verirrt in der weiten Welt, die mir erst nach und nach beibrachte, dass meine innere Stärke vorhanden war, ich sie jedoch nie gelernt hatte richtig einzusetzen.

Den Weg zurück in mein Heimatdorf empfand ich zwar einerseits als Wohltat, als Heilung für meine vernarbte, geschundene Seele und als Möglichkeit, nochmal von vorn anzufangen, so gut es unter den neu vorgegebenen Umständen eben möglich war. Andererseits kam es mir vor, wie das Bekenntnis versagt zu haben und das auf ganzer Linie - in der großen, weiten Welt war ich gescheitert, nun kehrte ich gebrochen nach Hause zurück, weil alle anderen Wege versperrt waren.

Was nicht zu mir zurückgekommen ist, bis zum heutigen Tage nicht, ist dieser Rausch, dieses Bedürfnis, das leere, weiße Blatt vor mir zu füllen. Das Eintauchen, Verschwinden in Charaktere, Handlungen, das ist irgendwo da draußen verloren gegangen. So sehr ich mich auch in den letzten vier Jahren, seitdem ich wieder Zuhause bin, bemüht habe, an einer neuen Geschichte zu schreiben: Es gelingt nicht. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Ideen früher nur so aus meinem Innersten herausgesprudelt sind, die ist zwischen der grausamen Härte der zurückliegenden Ereignisse zerstört worden.

Deshalb habe ich mich entschlossen, meine fünf existierenden Romane komplett zu überarbeiten und dann wieder zu veröffentlichen. Aber einen neuen wird es derzeit nicht geben. Vielleicht finde ich irgendwo dazwischen, auf diesem Weg mit dem Blog, wieder die Leichtigkeit des geschriebenen Wortes, der Formulierung und der Freude daran, Zeile für Zeile meine Sätze zu kreieren.

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