• Autrice Regan Holdridge

Die Sache mit dem lieben Geld - wer soll das bezahlen?

Wer kennt ihn nicht? Den Blick aufs Konto gegen Ende jeden Monats, ob das Gehalt schon darauf verbucht ist. Jedenfalls der allgemeine Mittelstand kennt ihn, der laut Aussagen von Experten praktisch zwar nicht mehr existiert bzw. vom Aussterben bedroht ist und dem irgendwie aber doch die meisten Menschen angehören. Oder sind wir alle längst in die Sparte der Geringverdiener gerutscht und haben es nur nicht gemerkt?

Nach einer misslungenen Selbstständigkeit mit einem Pferdebetrieb brauchte ich damals, vor nunmehr sechs Jahren, dringend schnellstens wieder einen sozialversicherungspflichtigen Job. Mir war zu diesem Zeitpunkt völlig gleichgültig, was es für einer sein würde. Teilzeit war wichtig, da ich noch Berittverträge für etliche Pferde zu erfüllen hatte und dass ich an die Arbeitsstelle zu Fuß oder mit dem Fahrrad gelangen konnte. Das Geld reichte von vorn bis hinten nicht und letztlich blieb mir dann doch nur der Schritt in die Privatinsolvenz. Zu diesem Thema werde ich aber noch einen eigenen Beitrag verfassen.

Für mich alleine, die beiden Hunde und das Pferd hätten meine Einnahmen aus der Stelle im Einzelhandel völlig ausgereicht. Auch mit Miete und Nebenkosten war das machbar. Mein Leben damals war alles andere als luxuriös, spartanisch wäre noch übertrieben, aber ich bin kein anspruchsvoller Mensch und mit der richtigen Organisation ist fast alles irgendwie lösbar. Außerdem, was braucht ein Mensch schon großartig zum Überleben? Jedenfalls kann ich aus Erfahrung sagen: Man nehme ein Haushaltsbuch, wie die Hausfrau der 50er Jahre gelernt hat eines zu führen, trage Einnahmen und Ausgaben jeden Monat ein und schon bekommt man einen Überblick, wofür man sein Geld unnötig zum Fenster hinauswirft und wo man einsparen kann.

Der große Klotz an meinem Bein hieß damals allerdings „Noch-Ehemann“. Da ich für ihn erpressbar war, stand er immer wieder auf der Matte mit Geldforderungen und damit gingen die Engpässe los. Ich war aufgrund meiner Schufa-Einträge leider damals auch noch auf ihn angewiesen. Seine Mutter mietete für mich die Wohnung an, die ich ansonsten nicht bekommen hätte und für die zwar ich alleine Miete und Nebenkosten stemmte, er allerdings sich darin bewegte wie der Eigentümer. Zu meiner Beziehung zu einem Narzisten gibt es bereits einen eigenen Beitrag.

Jedesmal, wenn er mit einer seiner wirren Geschäftsideen wieder einmal Geld verschleudert hatte, kam er zu mir und ich konnte zusehen, wie ich irgendwie die geforderte Summe zusammenbekam. Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens und mich daran zurückzuerinnern ist für mich bis heute nur mit Grauen und Ekel verbunden.

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Nachdem mein Ex-Mann sich dann schließlich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte und eine stattliche Summe von 3.000 Euro bis zum nächsten Tag benötigte, um angeblich russischen Schlägern zu entkommen, war meine Chance auf Flucht endlich gekommen. Meine Schwester und meine Mutter liehen mir das Geld und er rückte die Papiere meines Pferdes wieder heraus, die für ihn Mittel zum Zweck gewesen waren. Er wusste, dass mir dieses Pferd alles bedeutete und dass er mich mit den Papieren in der Hand hatte. Gleich darauf, am ersten Weihnachtsfeiertag, in aller Herrgottsfrüh, brachten hilfsbereite Bekannte mein Pferd für mich zurück in meine Heimat und damit in Sicherheit. Eine Woche später, an Silvester, kamen mein Onkel und mein Cousin, wir räumten meine Sachen aus der Wohnung und ich war endlich weg. Die Forderung meines Ex-Mannes, ich sollte weiterhin die Miete bezahlen, damit er in der Wohnung bleiben könne, habe ich natürlich geflissentlich ignoriert. Die Tatsache, dass ich einem Leben in der Hölle für geliehenes Geld entkommen bin, was ich jahrelang zurückzahlte, musste reichen.

Seitdem geht es finanziell konstant, in winzigen Schritten aufwärts. Meine Mutter besitzt ein Holzhäuschen in meinem Heimatdorf, wo unter dem Dach eine kleine Wohnung in der Größe von nicht ganz 50 Quadratmetern ausgebaut wurde. Ich zahle entsprechend monatlich etwas an meine Mutter, damit die Schulden, die wegen mir und meiner Selbstständigkeit noch immer als Belastung auf dem Haus sind, irgendwann in absehbarer Zeit abgestottert sind.

Das Haus gehört meiner Schwester, denn mein Erbe fiel ja komplett dem Versuch der Selbstständigkeit zum Opfer. Also, dass irgendwann ein Wunder geschieht und ich dank eines Lottogewinns plötzlich wieder leben kann wie alle anderen Leute, wird nicht passieren. An solche Märchen glaube ich nicht.

Man kann sich arrangieren mit wenig Geld. Es ist nicht alles, im Gegenteil. Glück, Gesundheit und das Wissen, man macht das Beste aus der gegebenen Situation, ganz gleich wie schrecklich sie auch sein mag, sind wesentlich wichtiger. Den ganzen Ramsch, den wir anhäufen, können wir sowieso nicht mitnehmen eines Tages. Wer weiß, ob wir uns überhaupt im Jenseits an etwas erinnern werden oder ob uns dann nicht nur eine große, schwarze Wolke umgibt? Es spielt auch keine Rolle, wenn wir unser Dasein sinnvoll nutzen, völlig egal, wie arm wir aus materieller Sicht auch sein mögen.

Ich führe weiterhin für jeden Monat mein Haushaltsbuch. Ich gönne mir wenig und wenn, dann ist es etwas, das keinen materiellen Wert hat. Solche Dinge geben mir nichts. Ein Kurzurlaub mit meinem Partner oder ein schönes Abendessen mit Freunden sind viel kostbarer und ich weiß es heutzutage noch viel mehr zu schätzen als von hausaus schon. Erst, wenn innerhalb der nächsten drei Jahre bei mir keine weiteren Krebszellen irgendwo gefunden werden, gelte ich als geheilt. Bis dahin ist die Ungewissheit mein ständiger Begleiter und kein Geld der Welt kann mir Lebenszeit ersetzen.

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