• Autrice Regan Holdridge

Diagnose: Bösartig - Leben nach Gebärmutterkrebs

Aktualisiert: 5. Okt 2020

Immer glaubt man, es träfe nur die anderen. Man kommt nicht auf den Gedanken, dass man selber einer von denen sein könnte, die einen Anruf aus dem Klinikum erhalten: „Wann können Sie kommen? Wir müssen dringend mit Ihnen sprechen.“ In der Sekunde zieht es einem den Boden unter den Füßen weg, denn jedem ist bewusst, dass solche Anrufe nicht wegen Lapalien getätigt werden. Man ahnt, was auf einen zukommt und wenn der Satz dann fällt: „Sie haben ein bösartiges Sarkom in der Gebärmutter“ wird einem plötzlich klar: Da wird nicht über andere gesprochen; es ist der eigene Körper, um den es hier geht.

Nach etwa einem halben Tag wandelte sich der erste Schock in maßlose Wut. Wie viele Jahre hatte ich vergebens dafür gekämpft, dass ich wegen meiner sehr starken, schmerzhaften Regelblutung eine finale Lösung in Form einer Operation bekomme? Immer hieß es von Seiten der Frauenärzte: „Um Himmels Willen! Sie sind noch so jung! Irgendwann kommt der Kinderwunsch und Sie treffen den richtigen Mann und dann werden Sie die Entscheidung bereuen!“

Mit der jetzigen Diagnose vor Augen bereue ich nur eines: Dass ich nicht längst genug Druck gemacht habe und darauf bestanden, dass mein Körper mir allein gehört und ich immer schon wusste, dass ich keine Kinder haben will. Eine solche Einstellung ändert sich auch nicht plötzlich über Nacht oder mit einem Mann. Ganz im Gegenteil, Kinderwunsch bei einem Mann war von jeher ein Trennungsgrund.

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Vergangenes Jahr hatte ich im Alter von 36 Jahren endlich das Glück, eine verständnisvolle Frauenärztin zu finden, die mir eine Überweisung ausstellte für eine Endometriumablation (Abtragung und Verödung der Gebärmutterschleimhaut). Hinzu kam jedoch auch noch eine Konisation (Teilentfernung des Muttermunds) infolge eines schlechten PAP-Tests mit Krebsvorstufe. Das konnte mich zum damaligen Zeitpunkt jedoch nicht beunruhigen. Nach dem Eingriff blieb meine Menstruation komplett aus; ich schwebte im siebten Himmel und genoss zum ersten Mal nach 25 Jahren wieder Lebensqualität. Das Gefährliche daran ist: Man kommt auf den Geschmack, dass man plötzlich frei und ohne ständig eine Toilette in greifbarer Nähe haben zu müssen, das Leben genießen kann.

Als nach sieben Monaten plötzlich Schmierblutungen auftraten, glaubte ich zunächst an eine nachgewachsene Gebärmutterschleimhaut – was in meinem Alter nicht verwunderlich gewesen wäre; die Ärzte hatten mich bereits gewarnt, dass die Gebärmutterschleimhaut vermutlich wieder nachwachsen würde. Der Anruf aus dem Krankenhaus, wenige Tage nach der zweiten Endometriumablation, zeigte jedoch einen völlig anderen Befund. Es war nicht mehr nur Krebsvorstufe, die Diagnose lautete bösartig und die nächste Operation musste so schnell als möglich stattfinden.

War ich nicht schon genug gestraft mit diesem überflüssigsten aller überflüssigen Organe in meinem Körper?! Hatte dieses Ding mir nicht genug Scherereien, Einschränkungen, abgesagte Ausflüge, Urlaube, Familienfeiern, Tonnen von geschluckten Schmerztabletten und peinliche Situationen mit durchgebluteten Hosen eingebracht? Nein, jetzt konnte es mir im schlimmsten Fall sogar noch viel zu früh das Leben kosten.

Der Zorn, der noch immer in mir brodelt, richtet sich gegen all die Ärzte, die mir im vergangenen Vierteljahrhundert weder geglaubt, noch meine Meinung für ernst genommen haben. Mittlerweile richtet sich mein Hass auch gegen Kinder. Jedesmal, wenn ich ein Baby sehe, merke ich, wie meine Schlagadern zu pulsieren beginnen und es mir durch die Kopf schießt: Die sind Schuld, weswegen mir jahrelang Hilfe versagt wurde und ich die Leidtragende war, die auf ein normales Leben verzichten musste. Und jetzt bin ich deshalb auch noch diejenige mit der Krebsdiagnose. Alles nur, weil Ärzte mit ihrer Arroganz geglaubt haben, mich besser zu kennen als ich mich selbst.

Eine medikamentöse Hilfe in Form der Antibaby-Pille führte bei mir nur zu extremen Nebenwirkungen. Zu diesem sehr heiklen und häufig heruntergespielten Thema der Antibaby-Pille folgt in Kürze ein eigener Beitrag.

Von daher war ich darauf angewiesen, irgendwann einen Frauenarzt zu finden, der bereit war, mir mit den heute ja durchaus möglichen, operativen Eingriffen zu helfen. Ich fand keinen und irgendwann gab ich auf.

Erst durch die Empfehlung einer Arbeitskollegin kam ich an meine heutige Frauenärztin, die diesem Thema wesentlich offener gegenübersteht als alle, die ich zuvor kennengelernt hatte. Womöglich hat mir diese Tatsache das Leben gerettet, denn ich war fünf Jahre bei keiner Vorsorgeuntersuchung mehr. Wozu auch? Man geht nicht mehr gerne zu Ärzten, wenn einem jedesmal suggeriert wird, dass man einen ohnehin nicht für voll nimmt, denn bei jeder Frau müsse irgendwann ein Kinderwunsch kommen...

Nun habe ich keine Gebärmutter mehr. Ich fühle mich, wie von einer unerträglichen, zentnerschweren Last befreit. Dieses Organ, das für mich nie von Bedeutung gewesen ist, hat endlich sein Dasein in meinem Körper aufgegeben. Nie wieder werde ich von Bauchkrämpfen gepeinigt, vom Blutverlust völlig geschwächt herumhängen, mir tagelang unzählige 600er Ibuprofen einwerfen und jede Stunde losrennen, um zwei OBs zu wechseln, weil eins der Bluterei nicht Herr wird. Nie wieder muss ich das ertragen, doch die Opfer dafür sind nicht gerade klein: Die besten Jahre meines Lebens und ein bösartiges Sarkom.

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