• Autrice Regan Holdridge

Ballett - Mädchentraum zwischen Kindheit, Realität und Leidenschaft

Man kann im Leben träumen oder man kann hinaus gehen und diese Träume leben – völlig gleichgültig, wie verrückt sie im ersten Moment erscheinen mögen. Die Träume, die wir in unseren Kinderherzen tragen, die bleiben, ganz tief verwurzelt und deshalb zog ich mit Anfang zwanzig aus, um mich von meinem ersten, eigenen Gehalt in der Ballettschule einzuschreiben.

Als Kind der 80er war natürlich auch ich unweigerlich an dem Weihnachtsmehrteiler „Anna“ mit Silvia Seidel hängengeblieben und neben den Pferden war das Ballett das einzige, was es schaffte, mich ernsthaft zu faszinieren. Meine Eltern jedoch sahen in mir, dem verkrampften, mit entsetzlicher Schüchternheit kämpfenden Mädchen ganz sicher keine Ballerina. Im Gegenteil, sie attestierten mir viel zu große Unsportlichkeit für derartige Unternehmungen.

Stattdessen wurde mir die Bürde auferlegt, ein Instrument erlernen zu müssen – ob ich wollte oder nicht und mein Interesse an irgendwelchen musikalischen Auseinandersetzungen war sehr gering. Leider hatte mein Grundschullehrer meinen Eltern den Floh ins Ohr gesetzt, ich sei musikalisch übermäßig begabt und das müsste gefördert werden. Über Mittelmäßigkeit kamen meine Anstrengungen allerdings nie hinaus und als das mächtige Klavier drohte, in unserem Haushalt Einzug zu halten, setzte ich mich zur Wehr. Wenn das Instrument schon nicht abwendbar wäre, dann zumindest Geige. Aber das punktete bei meinen Eltern nicht, denn „dieses Gefiedel“ wollten sie ihren Ohren nicht antun und so gab ich mich schließlich geschlagen, als die Konsequenz weiteren Widerspruchs lautete, ich müsste der hiesigen Musikkapelle beitreten.

Meine Großmutter hatte während des zweiten Weltkrieges Akkordeon gespielt, das ihr im Zuge des Chaos dieser Zeit gestohlen wurde. Sie erzählte häufig davon und wie leid ihr das getan hätte und so sagte sich mein Kinderherz: Dann tun wir doch zumindest der Oma etwas Gutes und lernen halt Akkordeon.

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Leidenschaft sah jedoch anders aus. Ich quälte mich mit herzlich wenig Engagement durch Jahre des Unterrichts und noch gruseliger war nur die Erfahrung mit dem Akkordeonorchester. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass sich meine angebliche musikalische Begabung auf sehr dünnem Eis bewegte. Selbst in der vierten Stimme zu spielen war praktisch ein Alptraum – nicht nur für mich. Ich fand selten den richtigen Einsatz an der richtigen Stelle und wenn ich mal wieder verzweifelt nach den richtigen Noten suchte, weil niemand neben mir saß, an dem ich mich orientieren konnte, drückte ich eben auf den Luftknopf und mimte die fleißige Spielerin nur. Natürlich kam dann kein Ton heraus und wenn der Orchesterleiter rief: „Die vierte Stimme! Ich höre nichts von der vierten Stimme!“ wollte ich regelmäßig wutentbrannt zurückschreien: „Sie können auch nichts hören! Ich tu’ bloß so und überhaupt habe ich keine Lust mehr auf den ganzen Blödsinn hier!“

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund waren meinen Eltern die Pferde damals sympathischer als das Ballett und so kam der Kompromiss zustande, dass ich der Musik weiterhin treu blieb und im Gegenzug dafür zum Reiten durfte und schließlich sogar ein eigenes Pony bekam. Dafür ließ sich das Üben mit einem ungeliebten Instrument schon irgendwie durchstehen.

Doch kaum, dass die Volljährigkeit erreicht war und das erste, selbst verdiente Geld aufs Konto floss, war mir klar: Jetzt wird das nachgeholt, was ich bislang versäumt habe. Das Akkordeon wanderte in den Koffer und mein frohlockendes Herz sollte nicht enttäuscht werden, als ich zum ersten Mal im Ballettstudio den Saal betrat. Es gab einen Abendkurs für Späteinsteiger und Ältere und schon mein erster, tappsiger Versuch an der Stange führte zum erstaunten Ausruf der Lehrerin: „Dich hätte ich mal als Kind in die Hände bekommen sollen!“

Damit war mein Ehrgeiz geweckt und ich fand mich mehr im Ballettsaal wieder, als auf dem Pferderücken. Heute ist mir bewusst, wäre mir im Kindesalter vergönnt gewesen, diese in Kunst verpackte Sportart erlernen zu dürfen, ich hätte die Pferde zugunsten des Balletts aufgegeben.

Durch die Arbeit und vor allem die gesundheitlichen Einschränkungen aufgrund meiner Periode, war der Ausflug in die Welt des klassischen Balletts jedoch auch nur mit Abstrichen möglich und nach einigen Jahren musste ich es wieder aufgeben. Vermisst habe ich es ständig. Meine letzten Spitzenschuhe (auf die ich es trotz des fortgeschrittenen Einstiegsalters noch geschafft habe) hingen immer neben meinem Bett, an der Wand. Und dann kamen Corona, die Pandemie und der Lockdown und wir im Einzelhandel blieben erstmal Zuhause. Meine Gebärmutter war entfernt, die starken Blutungen und körperlichen Probleme damit ausradiert und ich fühlte mich wie ein Kind, strotzend vor Kraft und neuer Energie.

In dieser Zeit der Unsicherheit, ob des Fortbestands meines Jobs, blieb mir viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren und mir wurde bewusst: Mir fehlt das Ballett, mir fehlt die Möglichkeit, mit diesem Körper zu arbeiten, mich auszudrücken und meine Grenzen zu testen. Dieser Rausch, diese Glückseligkeit, wenn ich die einzelnen Übungen ausführe, wenn ich merke, wie mein Spann sich in den Spitzenschuhen streckt – all das fühle ich nur beim Ballett, sonst nirgendwo, auch nicht bei den Pferden.

Und als ich dank Onlinekursen das erste Mal wieder meine Pliés und Relevés üben konnte, wurde mir klar: Kleinmädchenträume sind nicht ausgeträumt, nur, weil man als Kind Steine in den Weg gelegt bekommt. In dem Fall durch meine Eltern, die es bestimmt nur gut meinten und glaubten, ich könnte der harten Schule des Balletts nicht standhalten, weil ich ja angeblich völlig unsportlich sei... Doch Ballett hat nicht allein etwas mit Sport zu tun, auch, wenn die Leistungen gleichzustellen sind. Man steht im Ballettsaal, spürt, wie man jeden Muskel anzusteuern lernt und gewinnt allein schon damit im Laufe der Zeit enorme Körperbeherrschung.

Ballett ist nicht nur etwas für den Körper, es formt nicht nur unser Äußeres, sondern auch unsere Seele. Wir lernen, dass Grazie und Disziplin im Einklang stehen müssen, um Ausdruck und Schönheit zu erlangen. Der Körper, der Geist werden eins mit der Musik und drücken Emotionen aus, ähnlich wie ein Schauspieler, nur subtiler, rein auf Gesten und Bewegungen reduziert. Ballett ist eine Leidenschaft, die nichts damit zu tun hat, dass jemand die Bühnen dieser Welt erobern will. Das schaffen ohnehin nur die allerwenigsten. Es geht einzig darum, sich selbst kennenzulernen und das Beste aus seinen gegebenen Eigenschaften zu machen.

Heute stehe ich wieder auf Spitzenschuhen, ich trainiere fast täglich, ich kann nicht anders. Es ist wie eine Sucht. Jetzt, mit Ende dreißig, ist es die letzte Chance, noch einmal an den Pirouetten zu arbeiten, die Sprünge zu verbessern und dieses Gefühl zu leben, ich sei noch einmal Kind, ich könnte noch einmal von vorn anfangen und falls der Krebs doch zurückkommt, habe ich zumindest ein paar Jahre so gelebt, wie das kleine Mädchenherz es sich einst erträumt hat...

Das Akkordeon habe ich nie wieder angerührt und schließlich verkauft.

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