Erinnerungen an den Grandseigneur der europäischen Westernreiterei

 

Als ich Jean-Claude Dysli um die Jahrtausendwende kennenlernte, war ich ziemlich frustiert von der Reiterei. Mir gefiel das herkömmliche Westernreiten mit seinen Sandschluckenden Tiefseetauchern nicht (und tut es bis heute nicht). Ebenso wenig konnte ich den ständig treibenden Hilfen der Englischreiterei abgewinnen und ich war kurz davor, das Reiten an den Nagel zu hängen.

Nie werde ich den Moment vergessen, als ich ihn auf der "Americana" zum ersten Mal gesehen habe, im Forum, bei einer seiner legendären Vorführungen zur Ausbildung des Pferdes im Bosal. Damals hatte noch mein Vater mich und meine Schwester nach Augsburg gebracht. Er war es auch, der uns dazu aufforderte, die Vorführung von Jean-Claude Dysli anzusehen. Seine Worte klingen mir noch heute im Ohr: "Da ist endlich mal einer, bei dem mir reiten nicht wie Tierquälerei vorkommt!"

Was immer man Jean-Claude fragte: Immer gab es eine ehrliche Antwort, bei dem er einen an seinem enormen Wissen teilhaben ließ. Obwohl er bisweilen sehr streng sein konnte, so bekam man von ihm auch stets ein Lob und Ermutigung für das weitere Training. Und schon bald war mir klar: Ich wollte diese Reitweise völlig in mir aufnehmen und zu meiner Philosophie werden lassen. 
Die folgenden Jahre waren gekennzeichnet von Reitkursen bei Jean-Claude. Seitenweise habe ich seine Worte mitgeschrieben, damit sie nicht in Vergessenheit gerieten. 

Wie froh bin ich, Jean-Claude Dysli so früh in meinem Leben kennengelernt zu haben und von ihm belehrt und korrigiert worden zu sein! Er hat mir den Weg zu einem respektvollen, fairen Umgang mit Pferden gezeigt, den ich bis dahin von keinem Trainer und Reitlehrer hatte kennenlernen dürfen. Je länger er nicht mehr hier ist, desto schmerzlicher wird mir bewusst, wie unendlich er fehlt – nicht nur mir, nicht nur all den anderen, die von ihm lernen durften, sondern der ganzen europäischen Pferdewelt. Er war einmalig in seiner Persönlichkeit, wie in seinem Pferdeverstand. So lange ich lebe, wird Jean-Claude Dysli für mich der wichtigste Lehrer sein, den ich habe genießen dürfen. Meine Dankbarkeit ist unermesslich und in meinem Herzen werde ich ihn sowohl als Reiter, wie auch als Menschen stets in allen Ehren bewahren. 

Jean Claude Dysli Me Saddlebred

Das altkalifornische Westernreiten, wie ich es von ihm kennen- und schätzenlernen durfte, umfasst die ursprüngliche Arbeitsreitweise, die stark von den Einflüssen der spanischen Doma Vaquera geprägt wird und die von Dynamik lebt. Das Kernstück dieser Reitweise bilden Ruhe, Vertrauen und Präzision. Ziel ist ein willig mitarbeitendes, feinfühliges und aufmerksames Pferd.

Das Wichtigste hierfür ist ein unabhängiger Sitz des Reiters, der ihn befähigt, das Pferd nur über diesen zu steuern. Dazu kommen Gymnastizierung und Muskelaufbau des Pferdes, um eine lange Nutzbarkeit unter dem Sattel zu gewährleisten. Jeder Reiter sollte bestrebt sein, den besten Weg zu einer eindeutigen Verständigung zu seinem Pferd zu finden, die Kommunikation zwischen Tier und Mensch zu verbessern und stets die Feinheit der Hilfen als oberstes Gebot zu betrachten.

 

Sowohl in dieser Reitweise, als auch in der klassischen Reitkunst, wird das Pferd langsam und schonend nach seinen Veranlagungen ausgebildet. In der Arbeitsreiterei vom Snaffle Bit/das Bosal bis zum Bridle Horse und in der Dressur von der Wassertrense zur Kandare mit Unterlegtrense. Beiden Wegen ist der Wunsch nach Unsichtbarkeit der Hilfengebung gemein, wie auch der Grundsatz, dass diese in erster Linie von Sitz und Schenkeln bestimmt werden und Zügel lediglich hübsche Accessoires sind. 
Die Ausbildung eines altkalifornisch trainierten Pferdes ist ein Weg, der wesentlich mehr Zeit, Können und Geduld vom Reiter erfordert, als die hierzulande bekannten Ausbildungsmethoden in der Westernreiterei.